Zu einer Zeit, in der alle in Scharen in die Kinos stürmten, um den neuesten Tonfilm zu sehen, und handgezeichnete Animationen noch in den Kinderschuhen steckten, brachte ein neues Medium Kinder (und sind wir mal ehrlich, auch Erwachsene) wieder zum Lesen. Comic-Bücher fanden sich zunächst als Neuheit in den Pfennigläden und haben seitdem unzählige Veränderungen, künstlerische Entdeckungen, Rückgänge und Wiederauferstehungen durchgemacht.

Die Geschichte der Comic-Buch-Stile ist so rasant, wie die Geschichten, die sie erzählen, geprägt nicht nur von den Händen unzähliger Autoren und Künstler, sondern auch Millionen von Lesern in beinahe einem Jahrhundert. Während es in der tatsächlichen Geschichte der Comics sicher keine Mutanten gibt, ist sie doch genauso unvorhersehbar.

Das Goldene Zeitalter (1938-1950)

Das Goldene Zeitalter war wahrlich eine idyllische Zeit. Es gab eine klare stilistische Unterscheidung zwischen Gut und Böse und Superhelden waren nicht mehr als unbeschwerte Weltverbesserer, die immerzu Bösewichte bekämpften und besiegten, welche die Weltherrschaft an sich reißen wollten. Und genau das ist der Grund, weshalb sich Comics aus dieser Zeit wie ein Lauffeuer verbreiteten. Sie wurden den Träumen der Kinder gerecht, übermenschliche Kräfte zu haben, problemlos die Schulhofschläger zu besiegen und ihrer grauen Nachbarschaft zu entkommen, um in ein Abenteuer zu starten.

Typisch für den Idealismus des Goldene Zeitalters wurden Superhelden oft dazu benutzt, angesichts des Zweiten Weltkriegs Nationalstolz und Patriotismus auszudrücken. (via Marvel)
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via Marvel

Superman fiel wortwörtlich wie ein Stein vom Himmel und setzte damit das Goldene Zeitalter in Gang. Er steht für die ursprüngliche Comic-Buch-Geschichte. Es gab bereits Comic-Streifen in den Tageszeitungen (daher kommt auch der Begriff „Comic“) sowie Hörspielsendungen wie „Der Schatten“. Aber Superman war der erste Muskelprotz mit Superkräften, der sich einen Umhang umwarf und einen Anzug aus hautengem Elasthan trug, um das Böse zu bekämpfen. Die Leser konnten ihre Augen nicht von ihm lassen. Superman gab den Ton für alle folgenden Superhelden vor und wurde sogar der Erste, dem ein exklusives Buch gewidmet wurde, zu einer Zeit, in der Charaktere normalerweise auf eine Kurzgeschichte beschränkt waren.

Stile des Goldenen Zeitalters der Comics

  • Obwohl in Form von Heftchen gedruckt weichen Comics nicht groß von ihren Vorfahren in den Tageszeitungen ab und erzählen eine geradlinige Story mithilfe aufeinanderfolgender Bilder.
  • Die Zeichnungen waren schlicht, da Verleger noch kein Interesse daran hatten, in seriöse Künstler zu investieren.
  • Das Layout der Panel bestand aus einem quadratischen Gitter, oftmals mit mehr Dialog als Bildern.
Wonder Woman, die erste Superheldin (via DC Comics)
Batman (via DC Comics)

Das Silberne Zeitalter (1950-1971)

Nicht anders als die Jugend ihrer Leser war das Goldene Zeitalter eine Zeit der Launen und Unschuld, die nicht ewig dauern konnte. Die Fans wurden erwachsen – einige von ihnen kehrten aus einem entsetzlichen Krieg zurück nach Hause – und die Vorstellung eines unbesiegbaren, Umhang tragenden Rächers, der das Böse in der Welt bezwang, wurde immer weniger überzeugend. Diese Faktoren führten zu einem Rückgang an Superhelden-Geschichten und einem Anstieg an Comic-Titeln, die immer mehr erwachsene Empfindsamkeiten ansprachen – das Silberne Zeitalter der Comic-Bücher.

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Die Comicbuch-Welt voller übernatürlicher und außerirdischer Kräfte machten sie zu einem offensichtlichen Ziel für bunte, abstrakte Illustrationen. (via Marvel)
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Dieses preisgekrönte Design von Jim Steranko wurde direkt von Salvador Dali inspiriert (via Marvel)

Die Verleger erkundeten gewagtere Genres und das mit Abstand erfolgreichste war Horror. Diese schaurigen Geschichten bewahrten die Branche im Alleingang vor dem Schicksal, ein halb erinnerter Trend zu werden, und ihr Einfluss erstreckte sich weit über Comics hinaus. Die visuellen Stile ahmten diese dunkleren Motive nach und vermischten sie mit surrealistischen und manchmal verstörenden Bildern.

Diese Comic-Bücher waren so entsetzlich, dass einige Moralisten – die bereits gegen Comics als „Junk-Food für die jungen Seelen“ wetterten – diese nun als eindeutiges Werkzeug des Teufels betrachteten, unabhängig von der Tatsache, dass der Großteil der Leser Erwachsene waren.  

Nach einer Reihe von Anhörungen im Senat schufen Verleger die sogenannte Comics Code Authority (CCA), deren strenge Zensur selbst Wörter wie „Horror“, „Terror“ oder „Verbrechen“ verbot. Das Ergebnis war eine schwierige Zeit der künstlerischen Experimente, schnelles und lockeres Schreiben und politische Unterdrückung gingen Hand in Hand.

Stile des Silbernen Zeitalters der Comics

  • Comics nahmen ihre Inspiration aus Kunstbewegungen der Vergangenheit, vor allem dem Surrealismus, um die außergewöhnlichen Welten zu illustrieren, in denen ihre Helden lebten.
  • Nun, da sich Comics als lukratives Medium etabliert hatten, bestanden die Titelbilder weniger aus billigen, Aufmerksamkeit erregenden Bildern, sondern wurden stattdessen zu einer künstlerischen Darstellung des jeweiligen Themas der Ausgabe.
  • Comic-Bücher fanden zum ersten Mal in der Pop Art-Bewegung wahren künstlerischen Ausdruck, welche sich kommerzielle Sachen zueigen machte, wie beispielsweise Produktlabel, Magazinanzeigen und Comics.
Mit Hulk hatte Marvel seinen eigenen Jekyll und Hyde Helden geschaffen (via Marvel)
Diese Art von Cover mit einem Zombie in einer zweideutigen Situation wurde beim Senat als unangebracht vorgelegt. (via Marvel)

Das Bronzene Zeitalter (1971-1980)

Wie der Name schon sagt, war das Bronzene Zeitalter nicht so schimmernd wie das sorgenfreie Goldene Zeitalter oder das experimentelle Silberne Zeitalter. Nachdem man bereits so gut wie jeden nur erdenklichen heimtückischen Plan, den sich ein Bösewicht nur ausdenken kann, ausgeschöpft hatte, bekamen Comic-Helden noch hartnäckigere Gegner.

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Im Gegensatz zu anderen Comic-Buch-Toden der damaligen Zeit war Gwen Stacy ein immer wiederkehrender Charakter, die große Liebe des Helden und ihr Tod wahr unumkehrbar. Diese Beständigkeit von Tod und Verlust brachte Comics ein Level emotionaler Realität, das es so zuvor nicht gegeben hatte. (via DC Comics)

Alles begann mit einer Geschichte in Spiderman, in welcher der beste Freund des Helden eine Drogenüberdosis erleidet. Spiderman ist hilflos und seinem Alter Ego Peter Parker bleibt keine andere Wahl, als selbst in Erscheinung zu treten und sich einzig auf seine Überzeugungskünste und Empathie zu verlassen, um den Tag zu retten. Die CCA lehnte die Einbeziehung von Drogenthemen unabhängig von der Botschaft ab, aber Marvel druckte die Ausgabe dennoch mit Unterstützung ihrer Leser. Dies führte dazu, dass die Öffentlichkeit ihren Respekt für die CCA verlor und letztendlich zum Ende der Zensur. Somit wurde der Weg für noch düstere Geschichten frei. (Dazu später mehr)

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via Marvel

Ungefähr zu dieser Zeit ließ der Autor Chris Claremont eine eingestellte Reihe aus dem Silbernen Zeitalter wieder aufleben. Sie handelt von einer bunt gemischten Gruppe aus Mutanten, genannt X-Men. Ergänzt durch ethnisch unterschiedliche, internationale Charaktere hatte Claremonts Neuauflage der Mutanten immer noch göttliche Kräfte, wurde aber von der Öffentlichkeit geschmäht. Nach den Problemen der Bürgerrechtsbewegung wurden die Vorurteile gegen die genetischen Merkmale der X-Men zum dauerhaften Thema des Comics.

Während das Goldene Zeitalter soziale Themen, wie den Weltkrieg, in typischer Manier des Goldenen Zeitalters darstellte – mit unerschöpflicher Kraft und einfacher Gerechtigkeit – ging das Bronzene Zeitalter mit der düsteren Realität des urbanen Lebens auf eine Art um, die keine wirkliche Antwort parat hatte. Captain America konnte vielleicht Hitler ins Gesicht schlagen, aber wie soll ein Superheld die nicht greifbaren Feinde Bigotterie und Sucht in Angriff nehmen?

Als die Geschichten sich immer mehr um düstere, realistische Storys drehten, passte sich der Stil der Bilder diesen an.

Stile des Bronzenen Zeitalters der Comics

  • Comics tauschten Surrealismus und Experimente gegen fotorealistische Darstellungen urbaner Landschaften.
  • Dem Alter Ego wird mehr Aufmerksamkeit gewidmet und spektakuläre Kostüme traten hinter normaler Kleidung zurück.
  • Tiefenschärfe und Beleuchtung gaben den Comics einen cineastischen Stil und erhöhten die emotionale Bindung des Lesers.
Marvel’s blutigster Anti-Held wurde in diesem Zeitalter berühmt. (via Marvel)
Auch wenn Realismus angesagt war, waren es immer noch die 70er und alles wurde anders. (via Marvel)
Ein Held auf Heroin und die Droge liegt offen auf dem Tisch. (via DC Comics)
Zeichner wechselten vom typischen Comic-Style ins Realistische. (via DC Comics)

Das Dunkle Zeitalter (1980-1993)

Im Gegensatz zum tatsächlichen Dunklen Zeitalter war dies eine Ära, in der Comic-Bücher Aufklärung erzielten. Bis dahin klang das unkomplizierte Richtig und Falsch des Goldenen Zeitalters nach. Hier warfen Autoren alles über Bord und zeigten, dass die Welt eines Comic-Helden genauso düster war, wie die Gegner, die ihm gegenüber standen.

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Das Vermächtnis von „Watchmen“ konkurriert mit dem von „Superman“. Seine Welt ist unstet, seine Bösewichte waren gesichtslos, seine Helden hilflos. (via DC Comics)

Storys wie „The Dark Knight Returns“ und „V wie Vendetta“ warnten vor einer unheilvollen Zukunft, die kein Heldentum verhindern konnte. Autoren entwarfen Charaktere, die psychologisch komplex und oftmals gefährlich waren. Alan Moores „The Killing Joke“ zeigte uns einen Joker, der kein kichernder Spaßvogel war, sondern ein furchterregender, psychotischer Serienmörder. „Watchmen“ gab uns Helden, die durch die Welt, in der sie lebten, zu fragwürdigen Handlungen gezwungen wurden, um ebendiese zu verteidigen. Während dieser Ära war die Grenze zwischen Held und Bösewicht nicht nur schwammig; die Autoren zeigten uns, dass sie überhaupt niemals existierte.

“The Killing Joke” ebnete den Weg für alle Bösewichte. (via DC Comics)
“The Dark Knight Returns.” (via DC Comics)
Frank Millers Version von Daredevil (via Marvel)

Aber es war nicht alles dunkel, selbst wenn es dunkel war. Der unabhängige Verlag Image Comics war geboren und ihr Vorzeigeheld Spawn erreichte eine beispiellose Beliebtheit. Er war so beliebt, dass es nur ein paar Jahre nach seiner Vorstellung eine Verfilmung gab. Dieser und andere Titel wie „Prophet“ und „The Savage Dragon“ führten insgesamt zu mehr Interesse an Comics, die vom Schöpfer selbst verlegt wurden.

Die Idee eines anhaltenden Comics als ein einziges literarisches Werk führte zur Veröffentlichung mehrerer Graphic Novels, welche in Art Spiegelmans „Maus“ gipfelten, der ersten Comic-Reihe, die einen Pulitzer Preis gewann. Comic-Bücher wurden endlich als eine seriöse Kunstform betrachtet, so formbar und offen für Kreativität wie jedes andere Medium.

Sin City (via Dark Horse)
Spawn (via Image Comics)

Stile des Dunklen Zeitalters der Comics

  • Die Nacht war markante Kulisse für so ziemlich alle Storys dieses Zeitalters und führte zu einem Stil, der strategisches Licht und lange Schatten bevorzugte.
  • Gleichzeitig nahmen Künstler ihre Inspiration aus knallharten Noir-Filmen der 40er und 50er Jahre und erzeugten düstere, dubiose Welten aus Rauch, Regen, Gassen und Silhouetten.
  • Horror-Comics des Silbernen Zeitalters beeinflussten das Dunkle Zeitalter auf eine psychologischere Art mit verstörenden Porträts und unnatürlichen Winkeln, welche ein andauerndes Gefühl von Unbehagen erzeugten
Der Einfluss von Horror in Venom (via Marvel)
In Spawn wurden Comics zur Höllengeschichte. (via Image Comics)

Das Zeitlose Zeitalter (1993-Heute)

Wir sind nun an dem Punkt unserer Reise angelangt, an dem es keine eindeutige Beschreibung für das heutige „Zeitalter“ gibt. Comics haben sich zu etwas ohne Formen oder Grenzen entwickelt – sie sind nur noch eine nebulöse Masse.

Die Inspiration für „The Walking Dead“ (und ein Teil des Titels) stammt von George Romeros „Night of the Living Dead“ und nutzt Schwarz-Weiß, um die gewaltige Story von Menschen, die einen Zombie-Albtraum überlebt haben, zu erzählen. (via Image Comics)
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Ein Teil Weltraum-Oper, ein Teil Fantasy, ein Teil Romanze. Sagas bunte Einfärbung transportiert Leser quer durch abstrakte Welten.(via Image Comics)

Die fortgeschrittene Technik in Film, Fernsehen und Videospielen hat eine unaufhaltbare Masse an Adaptionen hervorgebracht und zu einem Anstieg an Comic-Lesern aus allen Gesellschaftsschichten geführt. Außerdem ist der Einfluss von Image-Comics immer noch spürbar, während die Leser, angetrieben durch die zügellose Kommerzialisierung der Branche, weiterhin Interesse an Indie-Comics haben. Autoren können kleine Verlage und Nischenmärkte und selbst traditionelle Vertriebswege erkunden, indem sie ihre Inhalte im Internet veröffentlichen, jetzt, wo sie nicht mehr nur an die großen Verleger wie Marvel und D.C. gebunden sind.

Eines kann aber über unsere derzeitige Comic-Buch-Ära gesagt werden: Es ist eine Zeit, in der Superhelden nicht heldenhaft oder düster oder überhaupt anwesend sein müssen. Comic-Bücher können so trivial oder seriös oder einfach nur total verrückt sein, wie du es willst. Wie beim unbesiegbaren Superman des optimistischen Goldenen Zeitalters haben wir jetzt eine Zeit, in der alles möglich ist.

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Stile des Zeitlosen Zeitalters der Comics

  • Fortgeschrittene Technik führte zu kreativen Illustrationstechniken – von Digital Painting bis 3D.
  • Die Grenze zwischen Film und Comic ist nun so schmal, dass manche Serien für animierte Comics adaptiert wurden und Synchronsprecher und Animationen hinzufügen, ohne die Kunst selbst zu verändern.
  • Die Allgegenwart der Verleger hat zu einer großen Bandbreite an Stilen geführt. Das Design variiert nun stark, abhängig von der Natur des Comics und der Wahl des Schöpfers (anders als die einheitlichen Stile der Vergangenheit).
Black Hole (via Fanta Graphics)
Scott Pilgrim (via Oni)
100 Bullets (via Vertigo)
Y the Last Man (via Image Comics)

Hast du einen Lieblings-Comic-Buch-Stil?

Comic-Bücher haben eine lange und lebhafte Geschichte – viel zu lang, um sie komplett in einem bescheidenen Artikel darzustellen. Die hier erwähnten repräsentieren lediglich eine Handvoll wichtiger Momente und natürlich einige meiner persönlichen Lieblinge. Vielleicht war deiner nicht dabei.

Bevor du nun deine Admantium-Krallen schärfst, sage uns doch deine Meinung in den Kommentaren!