Du hast dich also entschieden, dein eigenes Erklär- oder Promovideo für dein Unternehmen zu drehen. Der Dreh ist vorbei und du hast nun stundenlanges Material, das darauf wartet, bearbeitet zu werden.

Und nun?

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via Unsplash

Es ist Zeit für einen wichtigen, komplizierten Prozess, den die Leute in der Filmbranche „Postproduktion“ nennen. In diesem Blogpost werde ich dir zeigen, wie man alles zu einem schönen sauberen Video zusammenschneidet, sodass ein Video entsteht, an dem all deine Kunden Freude haben.

Denk daran, dass sich in diesem Artikel alles um Stil und Technik dreht. Es geht nicht darum, welche Software man benutzen sollte, Tastaturkürzel oder was welches Symbol auf dem Bildschirm bedeutet. Dafür gibt es bereits jede Menge guter Tutorials.

Stattdessen werde ich dir Schnitttechniken und Grundsätze beibringen, die zur Anwendung kommen, seit D.W. Griffith die Großaufnahme erfunden hat und nützlich sein werden, bis wir damit anfangen, mit unserem Gehirn direkt in der virtuellen Realität zu versinken. Es spielt keine Rolle, ob du Avid, Premiere, Final Cut oder Moviola verwendest. In diesem Post geht es ums Schneiden.

Schritt 1: Ordne dein Material

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via Deutsche Fotothek

Dieser Schritt gerät in der Eile schnell in Vergessenheit. Es wäre, als würde man all seine Klamotten in den Koffer werfen, ohne sie vorher zusammengelegt zu haben. Es führt zu einem großen Chaos und du bereust es später.  

Erstelle zuerst ein paar „Bins“. Das ist ein alter Ausdruck, der noch aus den Tagen kommt, als richtiger Film physisch geschnitten und in Eimer, welche im Schnittraum herumhingen, gelegt wurde. Stelle sie dir einfach wie „Ordner“ vor. (Die meisten Programme nutzen heutzutage ohnehin Ordner-ähnliche Symbole.)

Wie viele Bins du erstellst, hängt schlicht von der Komplexität deines Videos ab. Du kannst mit den grundlegenden Dingen anfangen – Interview und B-Roll. Der Interview-Bin ist logischerweise für das Material von deinem Sprecher. B-Roll ist das ganze Extramaterial, welches du von deinem Unternehmen und Mitarbeitern gedreht hast.

Wenn du mehrere Personen interviewt hast, erstelle einen Bin für jede Person. Wenn du ein großes, komplexes Unternehmen hast, solltest du den B-Roll Bin in kleinere und übersichtlichere Bins aufteilen: Lager, Versand, Büro etc.

Importiere dein Material – wie auch immer das mit deinem Programm geht – und schiebe es in den jeweiligen Bin.

Deine Videodateien haben höchstwahrscheinlich einen Dateinamen, der aus einem Mischmasch aus Buchstaben und Zahlen besteht. Das wird später sehr verwirrend. Ändere die Namen in etwas Nützliches und Erklärendes. Bei den Interviews kannst du es einfach halten – „Bob Take 1“ oder „Jane tk 2“. („Take“ bezieht sich auf jedes einzelne Mal, das du die Aufnahme stoppst und mit derselben Person und Szene wieder startest.)

Wenn du mit zwei Kameras aufgenommen hast, unterscheide sie mit Buchstaben – „Tiffany tk 1 Cam A“, „Carlos take 3 Cam B“. So weißt du, dass es sich um das gleiche Ereignis handelt, nur aus einem anderen Blickwinkel.

Beim B-Roll gibst du jeder Aufnahme einen einmaligen Namen, der die hilft, seinen Zweck in deinem Video zu erkennen.

Jetzt, wo alles schön organisiert ist, ist es an der Zeit, mit dem Schneiden zu beginnen …

Schritt 2: Assembly Cut

Beginne mit der Totalen der sprechenden Person. Kümmere dich nicht um Großaufnahmen, B-Roll oder sonst was. Lass einfach das Interview durchlaufen. Jedes Mal, wenn du etwas hörst, was dir gefällt, platziere es in der Timeline.

Mach dir keine Gedanken darüber, wie lang das Video zu diesem Zeitpunkt ist. Kümmere dich nicht einmal darum, ob es Sinn ergibt. Konzentriere dich nur darauf, die Teile zu finden, die du interessant und nützlich findest. Sobald du alles, was du eventuell verwenden wirst, in der Timeline platziert hast, hast du etwas, was man „String Out“ nennt.

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via Premium Beat

Behandle es zu diesem Zeitpunkt wie einen Essay, den du schreibst. Konzentriere dich ganz auf die Worte. Ordne sie so an, dass klar wird, was deine Firma macht und wer ihr seid. Entferne unnötige Phrasen. Wiederhole keine Information.

Hör es dir jetzt einmal komplett an. Noch mal: Kümmere dich nicht darum, was du auf dem Bildschirm siehst; es wird zwangsläufig abgehackt sein. Fühlt es sich lang an? Zusammenhängend? Trägt jeder Teil zu dem bei, was du mit deinem Video erreichen willst?

Und vergiss nicht, dieses Video ist für deine Kunden. Du findest vielleicht jeden Aspekt deiner Firma faszinierend, aber sie sind höchstwahrscheinlich an genau zwei Dingen interessiert: Das beste Produkt / die beste Dienstleistung für den geringsten Preis.

Aber „beste“ ist ein dehnbarer Begriff. Wenn du einen Friseursalon hast, sind Haarschnitte offensichtlich die Dienstleistung, die du anbietest. Aber was, wenn ihr besonders gut im Umgang mit Kindern seid? Ich kann die Haare meiner kleinen Tochter überall schneiden lassen, aber in deinem Salon wird sie nicht die ganze Zeit schreien. Das ist die Art Verkaufsargument, die du einbeziehen willst, um dich von deinen Wettbewerbern abzusetzen.

Es gibt kein Patentrezept dafür, wie lang dein Video sein sollte, aber denk an die Videos, die du bei YouTube schaust. Sie sind vermutlich zwischen drei und fünf Minuten lang, richtig? Wenn dein Kunde 17:47 min in der Fortschrittsanzeige sieht, wird er möglicherweise gar nicht erst auf dein Video klicken.

Sobald dein Inhalt eine vernünftige und effiziente Länge hat, tun wir etwas für die Optik …

Schritt 3: Inserts, Großaufnahmen und Cutaways

„Inserts“ sind Detailaufnahmen, von denen du möchtest, dass der Zuschauer sie wahrnimmt. „Großaufnahmen“ sind nähere Aufnahmen desjenigen, der spricht. „Cutaways“ sind Aufnahmen von Dingen, die nicht in der Szene sind, aber sich (hoffentlich) auf das beziehen, worüber der Sprecher redet.

Diese drei Aufnahmearten können nicht nur dazu genutzt werden, das Tempo deines Videos zu erhöhen, sondern auch Fehler und Jump Cuts (Bildsprünge) zu überdecken.

Wenn dein Sprecher etwas besonders Wichtiges sagt, warte auf einen Schlüsselsatz und schneide auf eine Großaufnahme. Das ist ein Zeichen an die Zuschauer, dass die Person etwas Wichtiges sagt. Wenn du mit zwei Kameras gefilmt hast („wide-and-tight“), empfehle ich, den selben Ton der Totalen zu verwenden. Pluraleyes ist ein nützliches Werkzeug, wenn du den Ton von zwei Kameras synchronisieren willst.

Ein anderer Weg, eine Großaufnahme zu erzielen, wenn du nicht mit zwei Kameras aufnehmen konntest, ist, eine Aufnahme zu „splicen“ (die meisten Schnittprogramme haben ein Werkzeug mit dem Namen „Splice“, um eine Aufnahme aufzuteilen). Zoome oder „vergrößere“ die zweite Aufnahme. Achte aber auf die Bildqualität; wenn du zu weit reinzoomst, wird das Bild unscharf.

Dies ist ebenfalls eine nützliche Technik, wenn du die Rede neu geordnet hast. Indem du auf eine Großaufnahme schneidest (oder zurück auf die Totale, wenn du schon eine Großaufnahme hattest), glättest du optisch den Übergang von einem Gedanken zum nächsten.

Manchmal musst du einen zusammenhängenden Gedanken aus verschiedenen Takes oder Stellen in der Aufnahme zusammenbasteln und einen “Frankenstein“-artigen Satz bilden. Du willst nicht, dass das Bild herumspringt, da dies optisch ablenkend ist. Du kannst das mit einem Insert oder Cutaway überdecken.

Durchsuche deine Bins (welche du in Schritt 1 sehr sauber organisiert hast, stimmt’s?), bis du einen Clip findest, der sich auf das bezieht, worüber du redest. Füge diesen in deine Timeline ein, um optisch komische Stellen zu überdecken.

Jetzt lehn dich zurück und schaue dein Video von Anfang bis Ende.

Schritt 4: Feinabstimmung

Jedes Video und jeder Cutter hat einen natürlichen Rhythmus. Während du das Video schaust, wirst du fühlen, wenn eine Aufnahme zu lang oder zu kurz ist. Höre auf dieses Gefühl.

Von einer Aufnahme zur nächsten zu schneiden mag unnatürlich erscheinen, aber es ahmt die Art, wie wir die Welt sehen, ziemlich gut nach. Du glaubst mir nicht? Sieh in die linke Ecke des Raumes, in dem du dich befindest. Jetzt schau in die rechte. Ist dein Auge sanft von einer Seite zur anderen gegangen? Oder hast du geblinzelt und den Übergang komplett verpasst?

Es war Letzteres, oder? Das ist Schneiden.

Ich habe diese Technik aus dem Buch „In the Blink of an Eye“ von Walter Murch gelernt. Er hat „Apocalypse Now“ und „Der englische Patient“ geschnitten, zusammen mit einigen anderen Klassikern und wurde neun Mal für den Oscar nominiert. Ich denke, er weiß ein Paar Dinge über das Bearbeiten von Filmen.

Sobald du jeden einzelnen Schnitt angepasst hast, schaue das Video noch einmal. Verfeinere die Schnitte noch einmal. Schau es noch mal. Bearbeite es wieder. Wiederhole dies immer und immer wieder, bis du sicher bist, dass du wirklich fertig bist.

Du bist aber noch nicht wirklich fertig …

Schritt 5: Der letzte Schliff

Wenn du zufrieden mit der Geschwindigkeit des Schnitts bist, ist es an der Zeit für den „Picture Lock“. Das bedeutet, dass du keine Schnitte mehr veränderst oder die Dialoge neu ordnest. Jetzt wird es Zeit, dafür zu sorgen, dass das Video hübsch aussieht und klingt.

„Color Grading“ (oder Farbkorrektur) ist ein bisschen wie Photoshop für Bewegtbilder. Es beinhaltet das Anpassen der Farbtemperatur, Helligkeit, Kontrast und andere Details in deinem Video. Es gibt dafür eine Menge Tools und viele Tutorials, von daher werde ich nur die Grundprinzipien erklären.

Öffne die erste Totale in deinem Farbkorrekturprogramm. Du wirst eine Menge Spaß haben und spannende Werkzeuge, mit denen du arbeiten kannst, aber das Wichtigste ist, dich auf die Hautfarbe deines Sprechers zu konzentrieren. Wenn sie nicht natürlich aussieht, ist alles andere unwichtig.

Die meisten Kameras erzeugen kontrastarme Bilder. Dies gibt deiner Software mehr Spielraum das Bild aufzuhellen oder abzudunkeln. Deshalb ist ein weiterer Schlüsselpunkt, an dem du arbeiten musst, der Kontrast. Erhöhe den Kontrast, bis dein Sprecher sich wirklich vom Hintergrund abhebt.

Sobald du mit dem Bild zufrieden bist, kopiere diese Einstellungen auf alle Totalen in deinem Video. Überprüfe jedes einzeln, denn die Beleuchtung kann sich leicht während des Filmens verändern. Stelle sicher, dass alle gleich aussehen.

Als Nächstes wende diese Einstellungen auf deine erste Großaufnahme an. Es wird mit höchster Wahrscheinlichkeit nicht richtig aussehen. Das ist ok, das ist nur die Ausgangsbasis. Du wirst die Farben und den Kontrast anpassen müssen, wieder mit dem Fokus auf die Hautfarbe. Vergleiche dieses Mal jedoch die Hautfarben, damit sie mit denen der Totalen übereinstimmen.

Wende die Einstellungen für die Großaufnahme wieder auf die restlichen Großaufnahmen an und kontrolliere noch mal, ob alles stimmt.

Diese Einstellungen werden allerdings nicht für deine Inserts und Cutaways funktionieren. Du musst bei allen einzeln die Farbkorrektur vornehmen. Sorry.

Weiter mit dem Ton!

Während du den Ton aufgenommen hast, hast du ziemlich sicher einige Hintergrundgeräusche aufgenommen. Zum Glück gibt es eine Open-Source-Software namens Audacity, die leicht zu bedienen und perfekt für diese Situation ist.

Im Grunde exportierst du deine ganzen Audiodateien (sieh in die Anleitung deiner Bearbeitungssoftware, wie man das macht) und importierst sie in Audacity. Dann wählst du einen Teil des Tons ohne Dialog, um die Hintergrundgeräusche zu samplen. Zum Schluss sagst du Audacity einfach, dass es den Ton entfernen soll.

Detailliertere Anleitungen dazu gibt es hier.

Exportiere den bereinigten Ton und importiere ihn zurück in dein Video

Du hast es geschafft!

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via Touchstone Pictures

Jetzt lehne dich zurück, sieh es dir noch einmal an und sonne dich im Glanz der ganzen harten Arbeit, die du in das Filmen und Bearbeiten deines wundervollen Promovideos gesteckt hast.

Videobearbeitung ist ein langer, beschwerlicher Prozess, aber am Ende wirst du glücklich sein, ein Video herauszubringen, das deine Kunden schauen und schätzen werden.