Die vergangenen zehn Jahre ähnelten eine Achterbahnfahrt im Design. Mit dem Beginn eines neuen Jahrzehnts werfen wir einen Blick zurück auf die Evolution des Grafikdesigns von 2010 bis 2020.

Ein ereignisreiches Jahrzehnt für’s Design

Es ist Silvesterabend 2009, du bist Designer, und du begrüßt ein brandneues Jahrzehnt im Grafikdesign. Du stellst lauthals Prophezeiungen an, was die 2010er-Jahre bringen werden (und du hattest schon ordentlich Champagner).

retrospective: a decade of design 2010 to 2020
Wie hat sich Design in den letzten zehn Jahren entwickelt? Schauen wir es uns mal an. Illustration von Vladanland.

Du sagst, dieser teure Smartphone-Wahn wird niemals andauern. Stattdessen prophezeist du, dass physische Geräte komplett verschwinden werden und jeder auf holografischen Bildschirmen designen wird. Typografie wird keine Rolle mehr spielen, da man überall nur noch Binärcode verwenden wird. Und Designschulen werden irrelevant, da die Menschen Informationen wie in der Matrix direkt in ihr Gehirn laden werden.

Nun, 10 Jahre älter, kannst du nicht fassen, dass du das warst. Wer macht so etwas auf einer Party überhaupt? Obwohl die meisten deiner Vorhersagen sich nicht bewahrheitet haben, waren die 2010er-Jahre dennoch ein ereignisreiches Jahrzehnt in Sachen Grafikdesign. Sie waren vielleicht nicht so wahnsinnig futuristisch, wie du es dir vorgestellt hast, aber das vergangene Jahrzehnt revolutionierte die Beziehung zwischen dem modernen Designer und der Technik durchaus – in vielerlei Hinsicht.

Wie sich Designanforderungen in den 2010er-Jahren verändert haben

Technik verändert sich im Laufe jedes Jahrzehnts, aber in den 2010er-Jahren erlebte der digitale Bereich einen rasanten Wachsstumsschub und stellte die Anpassungsfähigkeit der Designer stärker auf die Probe als jemals zuvor. Im Folgenden sehen wir ein paar bedeutende Entwicklungen, die Einfluss auf Grafikdesign hatten.

Smartphones

Wenn man an „sich schnell verändernde Technik“ denkt, kommen einem zuerst Smartphones in den Sinn, vor allem wenn man sich überlegt, wie oft wir unsere Geräte aktualisieren sollen. Für Designer bedeutete das Aufkommen von Smartphones eine ganze Reihe neuer kleinerer Flächen, für die man designen konnte, sowie neue Designkategorien und -berufe.

Abstract flat illustration of a smartphone
von Natalia Spivak

Obwohl das iPhone bereits 2007 vorgestellt wurde, kamen Android-Geräte erst 2010 heraus und festigten so den Platz der Smartphones auf dem Markt und in unseren Hosentaschen. Im Laufe der 2010er-Jahre nahm die Benutzung dieser Geräte immer weiter zu, nachdem die Einführung des 4G-Standards 2012 das mobile Surfen schneller und zugänglicher machte. 2016 übertraf die Nutzung von Mobilgeräten offiziell die Nutzung von Desktop-Geräten.

Smartphones und die einhergehende Flut an Apps waren ein ganz neues Terrain für visuelles Design und machten App-Designer und responsive Webdesigns weltweit unentbehrlich. Doch nicht nur das. Die Tatsache, dass die Menschen in den 2010er-Jahren zumeist mit Designs interagierten, die in ihre Handflächen passten, bedeutete, dass sich Designer auf einfache Lesbarkeit und spärliche Benutzeroberflächen konzentrieren mussten, was den Weg für minimalistische Trends ebnete.

Propaganda style flat illustration of a woman holding a tablet
von sweetkina

Tablets & eReader

Der Konkurrenz weiterhin voraus, stellte Apple 2010 das iPad vor – und somit einen weiteren Bildschirm, den Designer mit responsivem Webdesign berücksichtigen mussten. Und da auch alles andere in diesem Jahrzehnt digital wurde, war es nur eine Frage der Zeit, bis Bücher dem Informationszeitalter erlagen.

Obwohl der Kindle und das dazugehörige Programm „Kindle Direct Publishing“ bereits im Jahrzehnt zuvor herauskamen, berichtete Amazon, dass eBook-Verkäufe erst 2010 die Verkäufe von herkömmlichen Büchern übertrafen. Die Beliebtheit von eBooks veränderte die Herangehensweise an Buchcover-Designs, die nun oftmals eine digitale und eine physische Version erforderten. Dies führte dazu, dass große Typografie und vereinfachte Bilder im Trend lagen, damit das Cover-Design leicht zu erkennen war, wenn es als winziges Thumbnail dargestellt wurde.

VR & AR

Als VR und VR (Virtual Reality und Augmented Reality) in den 2010er-Jahren aufkamen, sollten Grafikdesigner helfen, diese neue immersive Technik zu bewältigen.

Illustration of a man using AR glasses to shop
von PHACE

2014 nutzte Google Glass AR-Technik, um App-Designs in unseren Alltag zu integrieren, doch der hohe Preis führte dazu, dass sie wieder eingestellt wurde. Mitte des Jahrzehnts führte Snapchat wegweisende Selfie-Filter ein und Instagram folgte 2016, als sie Snapchchats Story-Funktion übernahmen. Auch wenn man dies leicht als reine Unterhaltung der sozialen Medien abtun kann, haben diese Funktionen AR der breiten Masse zugänglich gemacht und ganz nebenbei Grafikdesign, Animation und Echtzeit-Fotografie miteinander kombiniert.

Logo design showing a cartoon man wearing a VR headset
von NOVACHB

Momentan beschränkt sich VR größtenteils auf den Gaming-Bereich, aber die Präsentation von Google Cardboard 2014 schuf einen Platz für VR in App-Designs. Die Veröffentlichung von Oculus Rift und dem HTC Vive 2016 machten Desktop VR zur Wirklichkeit und öffneten die Tür für VR-Webdesigns. 2019 kam mit dem Oculus Quest das erste kabellose VR-Headset heraus. Wenn VR weiterhin an Fahrt gewinnt, steht uns eine Revolution bei UX-Trends bevor, da Designer danach streben, Nutzer durch den Schnittpunkt von Technik und Realität zu führen.

Abhängig davon, wen man fragt, sind diese Entwicklungen entweder die Zukunft oder Eintagsfliegen. Wir werden noch ein weiteres Jahrzehnt warten müssen, um es herauszufinden, aber wenn sich herausstellt, dass VR und AR nur ein Trend der 2010er-Jahre waren, zeigt das auch, wie experimentell und verrückt dieses Jahrzehnt war.

Wie sich Grafikdesign-Tools im Laufe des Jahrzehnts entwickelt haben

Da digitale Umgebungen in den 2010er-Jahren exponentiell wuchsen, hatten Designer immer mehr zu tun und ihre Werkzeuge selbst mussten sich verbessern, um mithalten zu können. Schauen wir uns mal an, wie sich die Grafikdesign-Tools im Laufe der 2010er-Jahre verändert haben.

Graphikdesign-Software

Cartoon style illustration of a graphic designer using digital and analogue tools
von velcheva

Eine Zeit lang waren die Begriffe „professionelle Designsoftware“ und „Adobe“ praktisch gleichbedeutend und in den 2010er-Jahren unternahm Adobe einige Schritte, um seinen Platz auf dem Markt zu festigen. 2011 erfand Adobe mit der Vorstellung der Creative Cloud sein Geschäftsmodell neu.

Statt ein Programm einzeln zu kaufen, bot dies Nutzern durch ein Abonnement Zugang zu all ihren Produkten, was direkte Updates ermöglichte und gleichzeitig das Zusammenspiel der verschiedenen Produkte betonte. Viele Designer waren darüber nicht gerade glücklich und um diesen Sorgen etwas entgegenzusetzen und die Abo-Gebühren zu rechtfertigen, versprach Adobe, seine Anwendungen häufiger als bisher zu aktualisieren. Zu den bedeutenden Verbesserungen, die im Laufe des Jahrzehnts erschienen, gehören:

  • Inhaltsbasierte Funktionen in Photoshop (2012)
  • Interaktive Ecken in Illustrator (2014)
  • Perspektivische Verformung und Verknüpfte Smart-Objekte in Photoshop (2014)
  • Interaktive Formen in Illustrator (2015)
  • Verschiedene Ebenenstile in Photoshop (2015)
  • Kurvenzeichner-Werkzeug in Illustrator (2017)
A screenshot of the Affinity Designer software interface
via Serif
Screenshots of the Procreate tablet software interface
via Procreate

Dieses Jahrzehnt brachte auch eine Reihe von Konkurrenten hervor, die sich anschickten, Adobe zu entthronen und dabei äußerst erfolgreich waren und beispiellose Beliebtheit erlangten. 2014 brachte das Unternehmen Serif die Software Affinity Designer als direkte Konkurrenz zu Adobes Abo-Modell heraus und bot es gegen eine geringe, einmalige Gebühr an. Unterdessen beanspruchte Procreate (2011) den Tablet-Markt für sich und machte aus iPads tragbare Grafiktabletts. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die 2010er-Jahre Designer mit neuen Programmen und Funktionen verwöhnten und Designprogramme günstiger und verbreiteter als jemals zuvor wurden.

Tools zur Entwicklung von Prototypen

Um mit den unterschiedlichen Größen und vielen Produktseiten mithalten zu können, welche durch weiterentwickelte Bildschirmtechnologien bedingt waren, musste die Entwicklung von Designprototypen schnell umfassender werden. Dabei half eine Reihe von Programmen zur Entwicklung von Prototypen, wie beispielsweise Sketch (2010), Invision (2011) und erst viel später Adobe XD (2017).

An animation showing the Sketch prototyping tool in action
via Sketch

Diese Programme haben Drag & Drop-Oberflächen, vereinfachte Arbeitsflächen und Funktionen für Animationen, die es möglich machen, Prototypen in Windeseile zu zeigen und zu testen. Irgendetwas müssen sie richtig gemacht haben, wenn man bedenkt, dass sie mittlerweile nicht mehr nur gern zur Entwicklung von Prototypen genutzt werden, sondern viele Designer lieber Sketch als Photoshop für Webdesign nutzen.

Wie die Grafikdesign-Branche in den 2010er-Jahren digital wurde

Wie wir gesehen haben, ist Technik Grafikdesignern nicht fremd, aber in den 2010er-Jahren warfen sie die analogen Arbeitsflächen beinahe komplett über Bord. Zwischen Portfolio-Seiten, Freelancer-Plattformen und Online Learning gab es in diesem Jahrzehnt viele Grafikdesigner, die ihr Studio in die Cloud verlegten.

Abstract illustrated representation of online learning
von Zarina Gafarova

Weiterbildung im Grafikdesign

Durch das Internet wurden alle möglichen Informationen unmittelbar verfügbar und dazu zählt auch die Weiterbildung im Grafikdesign. Doch besonders in diesem Jahrzehnt wurde Online Learning sowohl bei alten Hasen als auch absoluten Anfängern äußerst beliebt.

Viele traditionelle Unis wie das MIT und Harvard bieten ihre Vorlesungen mittlerweile online bei edX (2012) und Coursera (2011) an. Unterdessen sind komplett neue digitale Umgebungen entstanden, die sich dem autodidaktischen Lernen widmen, wie beispielsweise udemy im Jahr 2010, Skillshare und General Assembly 2011. Durch all dies wurde der Zugang zur Design-Ausbildung leichter als jemals zuvor und der Talent Pool vielfältig wie nie.

Online Freelancing

Auch wenn die Social-Media-Revolution bereits im Jahrzehnt zuvor begann, nahm sie in den 2010er-Jahren richtig an Fahrt auf; größtenteils zugunsten der Designer. Instagram ging 2010 an den Start und sorgte für eine große Beliebtheit von sozialen Netzwerken, bei denen Bilder im Vordergrund stehen. Als sie ein Jahr später von Facebook gekauft wurden, hatten sie bereits 80 Millionen Nutzer.

A screenshot of a graphic designer’s Instagram page
telinunus Instagram

>> Finde mehr Designer, denen du auf Instagram folgen kannst

Ebenfalls 2010 wurde Dribbble der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht und die Tatsache, dass man eine Einladung benötigte, gab erfahreneren Designern die Möglichkeit, sich von der Masse abzusetzen. Auch Behance gewann an Beliebtheit, sogar so sehr, dass es 2012 von Adobe gekauft wurde.

In der Zwischenzeit verlagerten sich nicht nur die Portfolios der Designer ins Internet, sondern auch ihre Arbeitsplätze. 99designs führte 1-zu-1-Projekte ein, um eine solide Arbeitsumgebung mit sicheren Zahlungen und flexibler Rechnungsstellung zu schaffen. Insgesamt mangelte es in den 2010er-Jahren weder an Wegen für Designer, sich selbst zu vermarkten, noch an Wettbewerb.

Wie sich Designtrends im Laufe des Jahrzehnts verändert haben

Wenn in Zukunft jemand sagt „Was haben wir uns denn dabei gedacht? Das Design ist so 2010!“, was wird er damit meinen? Es müssen noch Jahre vergehen, bevor dieses Jahrzehnt weit genug weg ist, damit wir seinen Stil definieren können, aber bis dahin sind hier unsere Vermutungen, welche visuellen Stile die 2010er-Jahre dominiert haben.

Flat Design

Einer der größten Trends des Jahrzehnts – Flat Design – wurde aus der Not heraus geboren, digitale Apps sauber und zugänglich zu machen.

A screenshot of Windows 8’s flat menu design
via Microsoft

2012 kam Windows 8 mit einer flachen Benutzeroberfläche heraus, Apples iOS 7 folgte das Jahr darauf und setzte nun statt auf Skeuomorphismus ebenfalls auf eine flache Ästhetik, was diesen Trend in unserem digitalen Alltag festigte. Heutzutage kann man kaum noch eine Website (oder Broschüre oder ein Magazin) öffnen, ohne von flachen Farben, minimalistischen Vektorgrafiken und geometrischen, serifenlosen Schriftarten begrüßt zu werden.

Animiertes und interaktives Branding

Branding war in den 2010er-Jahren vielseitiger als jemals zuvor. Es gab nicht nur viel mehr Orte, an denen man Logos unterbringen konnte, sondern diese Orte waren nun auch digital, was bedeutete, dass es viel mehr Möglichkeiten gab, was diese Logos tun konnten. Und so folgte eine Welle von animierten und interaktiven Logos.

A logo for high-end small scale cruises animation showing a sea captain morph into an anchor
von SB.D

Der Jahresrückblick von Spotify, den sie 2017 zum ersten Mal präsentierten, nutzte Live-Daten seiner Nutzer und deren Profile, um gebrandete Bilder zum Teilen zu kreieren und trug nebenbei noch zu den langlebigen Trends der Duotones, Farbübergänge und Fotofilter bei.

Rebrandings

Mit all den neuen Startups, die für sich in Anspruch nahmen, die Branche komplett umzukrempeln (und viele von ihnen taten dies auch), waren die 2010er-Jahre eine Zeit des Umbruchs und der Veränderung. Selbst bewährte Marken profitierten von diesem revolutionärem Geist, was zu einem Jahrzehnt führte, in dem es mehr neue Marken, Rebrandings und noch mehr Rebrandings gab, als jemals für möglich gehalten wurde.

A brand image of Airbnb’s rebrand and logo meaning
via airbnb

Es waren vor allem Startups, die ein Rebranding durchführten. Viele hatten anfangs nur ein hastig zusammengewürfeltes Logo und ihre plötzliche Beliebtheit erforderte einen wohl überlegteren, zweiten Entwurf. AirBnBs Rebranding im Jahr 2014 legte Wert auf ein subtil zweideutiges Logo, OkCupid nutzte 2017 ein paar liebenswürdige Illustrationen und selbst Google beteiligte sich 2015 mit einem animierten Logo. Uber hat der Prozess eines Rebrandings so sehr gefallen, dass sie ihn gleich zweimal durchgemacht haben, beginnend mit einem Paar polarisierender Icons im Jahr 2016 und dann noch mal 2018, als sie mit einer vereinfachten Wortmarke eine Kurskorrektur vornahmen.

Im vergangenen Jahrzehnt sah man auch, wie bewährte Unternehmen ein längst überfälliges Update erhielten. Die Premier League begann das Jahr 2016 mit einem neuen Maskottchen und Burberry führte zum ersten Mal seit 20 Jahren ein Rebranding durch und gab sich ein Cartoon-artiges Monogramm.

Die meisten Rebrandings konzentrierten sich auf Vereinfachung und untermauerten so den Ton des Jahrzehnts durch Flat Design und geometrische, serifenlose Schriftarten. Unterdessen gewannen durch Instagrams Rebranding 2016 Farbverläufe wieder an Beliebtheit.

Da diese vereinfachten Rebrandings die 2010er-Jahre verkörpern, stellt sich die Frage, ob wir in den 2020er-Jahren gegensätzliche Trends als Reaktion darauf sehen werden. Falls Mastercards namenloses Logo von 2019 irgendein Indiz ist, könnte es sein, dass wir uns in den 2020er-Jahren in eine noch minimalistischere Richtung bewegen.

Die 2010er-Jahre im Grafikdesign: Das wäre geschafft!

Da ist es: alles, was in den 2010er-Jahren im Bereich des Grafikdesigns so passiert ist, zusammengefasst in einem einzigen Artikel. Auf keinen Fall wurde irgendetwas weggelassen, nur weil die Anzahl der Wörter beschränkt war oder der Autor etwas vergessen hat, daher können wir uns alle auf die 2020er-Jahre freuen!

Wenn dir noch ein oder zwei Sachen einfallen, die in diesem Jahrzehnt passiert sind, kannst du sie uns natürlich in den Kommentaren verraten!

Was wird dir an den 2010er-Jahren am meisten in Erinnerung bleiben?