Normalerweise gehen der Prozess des Fotografierens und das Entwickeln eines Gefühls für ein gutes Bild einher – einfach durch das Fotografieren selbst. Aber nicht jeder Designer muss wissen, wie man selbst fotografiert. Jedoch sollte er oder sie wissen, wie man die besten Bilder heraussucht.

Man muss in der Lage sein, einen kritischen Blick zu entwickeln und ein Verständnis dafür haben, wie ein Bild funktioniert, damit es für die gewünschte Botschaft verwendet werden kann, sowohl thematisch als auch ästhetisch.

Ausgangspunkt

Ein klassischer „Road-Shot“ von Pablo GarciaSaldaña

Ein klassischer „Road-Shot“ von Pablo GarciaSaldaña

Bevor man loslegt: Der 5-Komponenten-Check

Thema

Was wurde fotografiert? Ist es abstrakt oder figürlich? Ist eine Person oder ein Produkt abgebildet? Wird ein Gefühl oder eine Idee vermittelt? Beim Beantworten dieser Fragen schaut genauer hin, als nur auf das abgebildete Objekt. Wie interagieren die einzelnen Komponenten des Bildes miteinander? Welche Geschichte wird über die Interaktion der abgebildeten Subjekte preisgegeben? Manche Bilder sind unmissverständlich, andere beinhalten versteckte Bedeutungen.

Komposition

Die Komposition ist ein wichtiger Part. Sie umfasst jede Menge verschiedener Techniken. Welche Werkzeuge hat der Fotograf verwendet, um Emotionen oder Bedeutung im Bild zu kreieren? Gibt es eine Art Rahmen, Dominanz, Hierarchie, Vorder- oder Hintergrund, Angleichungen oder mehr? Die Verwendung einer solchen Technik kann ein Bild ausmachen, aber es ebenso zerstören – sie kann helfen, ein Ziel zu erreichen, oder aber den Betrachter ablenken.

Belichtung

Fotografien bestehen quasi aus Licht. Sie sind eine Interpretation von Licht auf einem Blatt oder einem Bildschirm, also muss die Aufmerksamkeit auch darauf gelegt werden, wie Licht zum Einsatz kommt. Ist es weiches Licht oder hartes? Wo liegt die Lichtquelle und wie wird sie vom Fotografen verwendet, um Aspekte hervorzuheben oder zu verstecken? Welche Tonalität vermittelt das Licht? Das gleiche Bild mit verschiedenen Belichtungen kann verschiedene Dinge ausdrücken.

Farbe

Eine Komponente, die ein eigenes Studium umfasst: die Farbtheorie. Wie sieht die dominante Farbpalette des Bildes aus und sticht eine Farbe besonders hervor? Wie verschieden sind die Farben des Bildes – ist es eine leuchtende, farbenfrohe Aufnahme oder eine verblasste Kombination aus trüben Tönen?

Stil/Ästhetik

Im Wesentlichen geht es hier um eine Kombination aus den oben genannten – welcher Eindruck entsteht durch die einzelnen Elemente? Ist es ein klares, direktes Produktfoto oder ein unscharfes Hipster-Portrait? Jedes hat seine eigene Dazugehörigkeit in den verschiedenen Designsegmenten. Für die Gesamtwirkung macht es einen riesigen Unterschied, ob sich ein bestimmter Stil durch das gesamte Projekt zieht oder nicht.

Tipps und Tricks

Des Feinschmeckers liebste Nahaufnahme von Maja Petric

Des Feinschmeckers liebste Nahaufnahme von Maja Petric

Um ein Gefühl für die Bildwelt zu bekommen, ist es wichtig, sich umzuschauen und zu wissen, was es so alles gibt. Die Wahl sollte nicht gleich auf das erstbeste Bild fallen. Schau dir viele Stocksites an und bringe auch deren Lizenzvereinbarungen in Erfahrung. Um für ein Produkt eine konsistente Bildwelt zu erschaffen, ist es gut, Bilder von einer Stocksite zu verwenden oder auch zu ein und demselben Fotografen immer wieder zurückzukehren.

Apropos Fotografen. Es lohnt sich immer, etwas Wissen über die großen Könner in petto zu haben – nicht nur im Bereich der Stockfotografie. Falls Ansel Adams, Annie Leibovitz oder Henri Cartier Bresson dir unbekannt erscheinen, steht Onkel Google dir schnell mit Rat und Tat zur Seite. So kannst du nachvollziehen, mit welcher Art von Fotos die Menschen über die Jahre konfrontiert worden sind.

Falls es dir immer noch schwerfällt einzuschätzen, was gute und schlechte Bilder sind, mache selbst ein paar Fotos. Die werden vielleicht nie so gut sein, wie die, die online zu finden sind, aber es gibt keinen besseren Weg, es zu lernen. Dabei spielt es keine Rolle, ob du dein Handy dafür benutzt oder die neuste Spiegelreflexkamera – die Drittel-Regel und Töne werden sich dir erschließen.

Hier eine kleine Übung

Konzert von John Price

Konzert von John Price

Wähle ein Stockfoto – irgendeins. Schau es dir kritisch an.

1. Was ist das erste, zweite und dritte Element, das du siehst? Was ist die Geschichte hinter dem Bild?
Als erstes fällt die Hand auf, als zweites das gelbe Spotlight in der oberen linken Ecke und als drittes der Kopf von dem Mann, der in der unteren linken Ecke steht. Ich bekomme ein nostalgisches Gefühl beim Anblick dieses Bildes. Jubelndes Publikum mit den Armen in der Luft. Die Leute scheinen begeistert zu sein von der Band im Hintergrund.

2. Überprüfe die Kompositionsklassiker:

  1. Rahmung: Die Menschenmenge und die Lichter werden zum Rahmen für das Subjekt – Mädchen mit Arm in der Luft
  2. Dominanz: Eine klare Dominanz wird hergestellt durch die Positionierung und die Farbgebung der Hand gegen den Hintergrund
  3. Vor-, Mittel- und Hintergrund: Das Subjekt steht im Vordergrund, das Publikum und Band in der Mitte und die Beleuchtung kommt vom Hintergrund
  4. Lead Room (Raum für Blickführung): Aus der Publikums-Perspektive aufgenommen mit Blick in Richtung Bühne
  5. Drittelregel: Horizontal sind Vordergrund, Mitte und Hintergrund in drei Teile aufgeteilt; Vertikal sitzt die Figur des Subjekts überwiegend im rechten Drittel des Bildes
  6. Allgemein: Das Bild ist in drei Bereiche (oben genannt) aufgeteilt und führt so den Blick

3. Belichtung und Farbe

Die Belichtung ist essenziell, um die richtige Stimmung für ein Konzert zu erzeugen. Durch das rötliche Gelb wirkt die Stimmung hier nostalgisch und weich.

4. Zusammengefasst: Wo kann dieses Bild stilistisch und perspektivisch eingeordnet werden? Wie könnte es verwendet werden, um ein Produkt oder einen Service zu demonstrieren?

Die Kombination aus weichem Fokus, Belichtung und Farben gegen das Subjekt, das auf verschiedene Art und Weisen interpretiert werden kann, löst bei mir ein jugendliches, beruhigendes, nostalgisches Gefühl aus. Dieses Bild ist nichts für eine Anzeige einer Metalband in einem Magazin. Es ist eher etwas hochwertiger angesiedelt – vielleicht für eine Musikapp, um erst mal eine Idee zu geben, worum es geht. Je nach Positionierung könnte noch ein Text oder Logo auf dem Bild platziert werden. Aber dadurch, dass das Bild schon etwas verblichen ist, würde man von zu viel Farbüberlagerung absehen, da es zu sehr vom Subjekt ablenken könnte. Es würde sich gut für den Header einer Website eignen, die den Betrachter an gute Zeiten in seinem Leben zurückerinnern will.

Habt ihr noch weitere Tipps und Tricks wie man gutes Stockmaterial wählt? Teilt eure Ideen in den Kommentaren!

Titelbild von Benjamin Combs